Wie ist das Fazit der Hörspiel-Gemeinschaft zur Leipziger Buchmesse? Das Börsenblatt des Deutschen Buchhandels führte ein Interview mit unserem Pressesprecher René Wagner.
Börsenblatt: Konntet Ihr die Bühne rund um die Uhr bespielen, wie war die Resonanz?
Die Schätzung, wie viele Besucher in der Verleihshop.de-Hörspiel-Arena waren, ist natürlich sehr schwierig, aber bei einer realistischen Hochrechnung werden es wohl um die 10.000 Besucher gewesen sein. Mit unserem Konzept war die Bühne komplett ausgebucht: 20 Veranstaltungen in der Hörspiel-Arena und zusätzlich 2 im “Leipzig hört”-Forum. Wir hatten das Programm von Anfang an so geplant, dass zwischen den Veranstaltungen immer mindestens eine halbe Stunde Zeit ist. Damit war eine Abwechslung aus Aktionen und “Entzerrung” sichergestellt, so dass auch die Aussteller wieder etwas Ruhe hatten, um die Gespräche mit Interessenten intensiver führen zu können. Glücklicherweise war dies auch während der Events möglich, wenn man mal von “extremen” Highlights wie die Veranstaltung mit Katja Riemann absieht – da passte in der Arena keine Sardine mehr dazwischen.
Was waren die Highlights?
Ohne abgehoben klingen zu wollen: Ausgehend von der Resonanz des Publikums hatten wir 22 Highlights, fast alle Veranstaltungen waren gut bis sehr gut besucht. Herausragend aber war natürlich der Talk von Oliver Rohrbeck mit Katja Riemann über das wunderbare Hörspiel-Musical “Die Vögel”, wo alleine schon gut 400 Zuschauer sich buchstäblich in die Arena quetschten. Frau Riemann gab danach noch lange Autogramme und drei Stunden lang Interviews für TV- und Radiosender. Auf großes Interesse stießen auch die Veranstaltungen “Sonderberg & Co.” von Zaubermond Audio (neue Krimi-Hörspielserie), “Dorian Hunter live” von Folgenreich/Universal (Mysteryserie) und das Live-Hörspiel zu “Dragonbound” von EUROPA (Abenteuer-Fantasy), aber auch zahlreiche Fach-Talks, wie z.B. zu neuen Formen des Vertriebs von Hörspielen. Das ganze Programm kann man auf www.hoerspiel-arena.de nachlesen und bald auch teilweise als Audios und Videos nacherleben, denn alle Bühnenveranstaltungen wurden während der Messetage live ins Internet übertragen.
Was haben die Verhandlungen mit Frankfurt ergeben?
Wir sind da noch ganz am Anfang, aber das gegenseitige Interesse an einer Kooperation ist sehr groß – schließlich zieht die Hörspiel-Gemeinschaft neue Verlage und neues Publikum auf die Messen, neben der Organisation eines attraktiven Programms und auch einer besonderen Begeisterungsfähigkeit der Medien. Wir hoffen, dass es uns gelingt, gemeinsam einen Bereich zu realisieren, der die Vielfalt des Hörbuchs allgemein widerspiegelt und dabei das Hörspiel als aufwendigste und teuerste Form der Umsetzung von Literatur deutlich macht – deshalb zum Beispiel auch die eigene Hörspiel-Verkaufswand in der Leipziger Hörbuchhandlung. Schön wäre in Frankfurt eine Integration in den bisherigen Hörbuchbereich. In Leipzig, wo es traditionell viele Aktionsflächen gibt, standen wir rein aus akustischen Gründen etwas abseits. Umso mehr haben wir uns gefreut, dass unglaublich viele Hör-Literatur-Interessierte den Weg zu uns gefunden haben.
Teilt sich die Branche in Hörspiel- (hippe Fangemeinde, netzaffin, jung) und Hörbuchhörer (weiblich, mittelalt…) ?
Ich bin sicher, dass diese Einteilungen längst überholt sind – was auch neueste Studien belegen. Beim allgemeinen Hörbuch steht es z.B. bei Download-Verkäufen in der Geschlechterfrage nahezu 50:50. Ebenso stimmt mitnichten das landläufige Vorurteil, Hörspiel-Fans seien nur etwas für Kinder oder “Nerds”. Den Beweis hat man gerade erst in Leipzig gesehen: Sowohl im klassischen Hörbuchbereich als auch in der Hörspiel-Arena fanden sich alle Altersschichten und bestimmt auch eine gleichmäßige Verteilung der Geschlechter. Vielleicht ist bei Hörspiel-Fans die Leidenschaft, über “ihr” Medium zu philosophieren, ein Stück weit mehr ausgeprägt, was sich auch darin widerspiegelt, dass sie gerne ganze Serien kaufen – ein wichtiger Aspekt gerade für den Handel.
Wie ist die Resonanz der Aussteller in der Hörspiel-Arena? Kommen die Verlage 2012 wieder?
Nach allem, was wir gehört haben, sind wir fest davon überzeugt, dass die Verlage auch 2012 wieder mitmachen werden. Alle loben die professionelle Organisation durch die Kombination aus Hörspiel-Gemeinschaft e.V. und Leipziger Buchmesse, generell die Atmosphäre während der vier Messetage, den guten Zuspruch durch Besucher und Publikum, die Resonanz der Medien. Das schönste Signal bekamen wir als Vorstand des Vereins auf der Jahreshauptversammlung, die wir am Abend des Messe-Samstags in einem Restaurant in der Innenstadt abgehalten haben: Mehrere Verlage, die bei uns Mitglied sind (die gesamte Mitgliederzahl liegt jetzt bei fast 60), starteten von sich aus die Initiative einer Beitragserhöhung, um die finanziellen Möglichkeiten des Vereins auszuweiten – nicht nur wegen weiterer Hörspiel-Messen, sondern auch ganz anderer Aktionen, die wir noch auf der Agenda stehen haben.
Ist das Hörspiel im Kommen, auch bei den etablierten Verlagen?
Das Hörspiel in Deutschland, auch in Österreich und der Schweiz, war noch nie so erfolgreich wie heute. Trotzdem war in den letzten Jahren in der Hörbuchbranche in Bezug auf Hörspielproduktionen ein ständiges Auf und Ab festzustellen, was angesichts der hohen Produktionskosten und der schwierigen Vertriebslage – leider oft auch im Buchhandel – einerseits verständlich sein mag. Andererseits gibt es immer wieder neue Hörspiel-Label, die mit neuen originellen Produkten den Schritt in den Markt wagen, und gerade die führenden Hörspiel-Anbieter freuen sich über siebenstellige Verkäufe und mehr. Als Hörspiel-Verein hat sich unsere Gemeinschaft u.a. zum Ziel gesetzt, diese Vielfalt deutlich zu machen und die besondere Kunstform Hörspiel sozusagen aus dem Schatten von Lesungen, die etwa 70 % des Marktes ausmachen, herauszuheben.
Viele der Organisatoren kommen ja eigentlich aus dem Internet – wie habt ihr den Schritt auf die Messe geschafft?
Unser Verein war zuerst ein lockerer Zusammenschluss von engagierten Webseiten-Betreibern, die über Hörspiele berichten – wir präsentierten uns gemeinsam auf der Leipziger Buchmesse 2010. Die immense Organisationsarbeit, die uns die Verleihshop.de-Hörspiel-Arena beschert hat, haben wir meiner Frau zu verdanken, die auf der Rückfahrt von der letztjährigen Messe auf die Idee eines kombinierten Aussteller- und Veranstaltungsbereichs speziell zum Thema Hörspiel gekommen war. Direkt danach begannen die Gespräche mit der Buchmesse, ob und wie man dies überhaupt realisieren könne – und wir mussten sicherstellen, dass die Kalkulation auf plus/minus Null hinausläuft. Denn parallel dazu haben wir im Juni den Verein gegründet und mittlerweile auch die Anerkennung der Gemeinnützigkeit erfolgreich abgeschlossen.
Für den Vertrieb sind die Hörspielmacher stärker auf das Internet angewiesen als andere Hörbuchverlage, oder?
Ja, im Internet ist naturgemäß die ganze Vielfalt des Hörspiels leicht und rund um die Uhr erreichbar – zumal gerade kleine Produzenten trotz handwerklich sehr hoher Qualität oft Schwierigkeiten haben, einen adäquaten Vertrieb zu finden. Doch gerade solche Produktionen, natürlich auch die der etablierten Anbieter, werden von den Hörspiel-Fans sehr gefragt – man “lechzt” geradezu nach allem Neuen in diesem Bereich. Umso mehr sehen wir hier den Handel in der Pflicht, auf diese Nachfrage einzugehen und das zu Unrecht vorurteilbehaftete Hörspiel nicht zu verstecken. Wir ermutigen vor allem die Buchhändler, die Vielfalt dieser einzigartigen Kunstform bei sich im Laden abzubilden – und sich übrigens auch gerne an uns zu wenden, was Fragen rund um den Vertrieb betrifft. Wir stellen auch gerne den Kontakt zu den Hörspiel-Labeln her!
Auch die Do-it-your-Self-Szene ist stärker, stimmt’s? Und wie kommt das?
Gegenüber der Lesung, die vergleichsweise leicht aufzunehmen ist, sofern man einen guten Sprecher und am besten noch eine gute Regie hat, gibt es beim Hörspiel viel mehr Dinge, die zum Selbermachen anregen: das Gemeinschaftsgefühl durch ungleich mehr Beteiligte, das Experimentieren mit Stimmen, Musik und Geräuschen, regelmäßige Treffen der Hörspielmacher, wie jetzt z.B. auf der Leipziger Buchmesse. Vor allem klingt das Endergebnis über die gesamte freie Hörspielszene hinweg immer professioneller, braucht sich teilweise vor kommerziellen Produktionen etablierter Verlage nicht zu verstecken. Gemeinsam erschafft man ein “Kino im Kopf”, und das macht einfach Spaß.
Gibt es schon Pläne für die Hörspiel-Arena 2012?
Nach Meinung unserer Aussteller und Besucher war die diesjährige Arena schon zu 95 % perfekt, und an den letzten Schräubchen wollen und müssen wir drehen. Vielleicht aber wird der Hörspielbereich 2012 auch ganz anders aussehen – die Ideen werden schon jetzt diskutiert. Nach der Messe ist vor der Messe, daher steht erst einmal Frankfurt auf unserer Planung. Übrigens auch die “Buch Wien”, wo wir 2010 bereits einen kleinen Hörbuchgemeinschaftsstand betreut haben, der 2011 aber deutlich wachsen soll – vielleicht ebenfalls mit einem attraktiven Rahmenprogramm wie jetzt in der Hörspiel-Arena. Denn akustische Literatur in allen ihren Facetten, von Hörspielen über Lesungen bis hin zu Features, hat ihren besonderen Reiz und verdient mehr Aufmerksamkeit – im Handel, in den Medien und allgemein in der Öffentlichkeit. Deshalb gehen unsere Planungen über Messen weit hinaus und werden noch an ganz anderer Stelle speziell für Hörspiele trommeln. Die Weichen dazu haben wir auf unserer Jahreshauptversammlung gestellt.
(Die Fragen stellte Sabine Schwietert vom Börsenblatt.)